Nach dem gemeinsamen Frühstück bot Benny an unsere Tagesstrecke von rund 43 km etwas zu verkürzen, was uns natürlich sehr gelegen kam, denn ich war fußtechnisch immer noch angekrüppelt. Wir vermuten und schieben die Schuld auf eine Sehne, der ich wohl zu Anfang zu viel Arbeitsleistung abverlangt hatte und die sich nun mit Burnout-Symptomen zurückgezogen hat. In der Apotheke riet man mir nur das Bein ruhig zu halten und mit Ibuprofen einzucremen. Eincremen - okay. Stillhalten - NEIN! Nun laufe ich eben mit einer einseitigen Beulenpest durch die Gegend; das soll uns jedoch am Weiterlaufen nicht hindern.
Nun denn. Unser Host fuhr uns netterweise bis nach Unterthingau. Schon auf dem Weg dorthin prahlten die österreichischen Berggipfel mit ihrer vollkommenen Schönheit in ihren blauen Kleidern und den von der Sonne aufblitzenden weißen Spitzen. Passend dazu posierten die saftig grünen Wiesen mit ihren unzählig vielen Maulwurfhügeln, dem leichten Morgendunst knapp über den Halmen und den verschiedenen vierbeinigen, schmatzenden und schwanzwedelnden Pelzträgern, die uns auf Schritt und Tritt skeptisch beobachteten.
In Unterthingau verabschiedeten sich 4 Käsequanten von 4 Pfoten und 2 Füßen.

Von dort aus dauerte es nicht lange und wir liefen wieder durch die tiefste und einsamste Natur, meilenweite Wiesen, aneinander gekuschelte Nadelbäume, matschige Trampelpfade, gezeichnet von tiefen Reifenspuren, in denen das Regen- und Tauwasser zu Eis gefroren war und es herrlich unter den Füßen knackte, wenn man darüber lief. Heute hatten wir wirklich einen goldenen Tag erwischt! An jeder Ecke konnte man sehen, dass langsam aber sicher alles Leben neu erwachte, um bald wieder vom grausamen Winter den Garaus gemacht zu bekommen. So läuft es, seitdem wir losgelaufen sind, im 2- bis 3-Tages-Takt. Gerade freut man sich, dass Frost und Kälte besiegt sind, da kommt sie ganz heimtückisch, mit ihren langen, eisigen Frostfingern, still und leise zurück, die kalte Jahreszeit.




interessante Ortsnamen...

Irgendwo auf der Strecke kamen wir durch einen kleinen Ort, in dem wir uns eine Bushaltestelle als Mittagspausenplätzchen ausgeguckt hatten. Plötzlich stiefelte ein älterer Herr auf uns zu. Sein Gesichtsausdruck war fad, leer, nichtssagend. Er trug eine alte, zerknitterte Jeans, ein Hemd, das er höchstwahrscheinlich von seinem Ururgroßvater geerbt hatte, eine Art Jacke, eine kecke Mütze und Gummistiefel, die bis zum oberen Rand voll mit Sch... bepinselt waren. Auch an Arm, Schulter und an der Hose klebten Teile eines Kuhausschusses. Klare Sache, das war ein "wasch"echter Kuhbauer. Als sich sein Mund öffnete und Wörter durch die Zahnlücken gefallen kamen, hoben sich automatisch seine Mundwinkel. Er war hier in friedlicher Mission, soviel stand fest. Wenn da nur nicht schon wieder diese Sprachbarriere gewesen wäre. Der gute Mann erzählte uns seine gesamte Lebensgeschichte. Alles, was wir vernehmen konnten, war, dass er früher LKW-Fahrer gewesen sein musste, viel herumgekommen und heute leidenschaftlicher Kuhbauer ist, wobei uns letzteres schon zuvor klar gewesen war. Er verabschiedete sich mit einem herben Gruß, warf seine winkende Hand in die Luft und versprühte noch einmal frische Landluft, die sich wohl in seinen Klamotten festgesetzt und nur durch die plötzliche Bewegung freigesetzt wurde. Man konnte es ihm kaum verübeln, war er doch auf seine ganz besondere Weise ein total lieber Fremder.
Wir zogen weiter. Bald merkten wir, dass wir schon wieder einiges an Zeit verloren hatten, der Weg jedoch erstreckte sich immer weiter in die Ferne, ohne sichtbares Ende. Niemals würden wir rechtzeitig und im Hellen ankommen. Busse waren in dieser Region eine Seltenheit, andere öffentliche Verkehrsmittel gab es nicht. Also blieb uns nur eines: Wir mussten trampen. Danilo hatte ein glückliches Händchen, sodass bald ein roter Van anhielt und uns einen lift gab. Der Fahrer des roten Van war Bauarbeiter und gerade auf dem Nachhauseweg, somit machte es ihm gar nichts aus uns ein paar Kilometer zu schenken und wir waren heilfroh, dass wir nicht gezwungen waren später im Dunkeln umherzuirren.
Ab nun verlief alles nach Plan, die Sonne zog ihre Kreise und schnell war es Abend geworden. Wir freuten uns tierisch, als wir in Altusried ankamen und stürzten in den Einkaufsmarkt, dessen wehende Fahnen wir bereits vom Ortseingang aus gesehen hatten.


Nach einem traditionellen Stück Kuchen stießen wir auf eine interessante Frage: Was ist eigentlich mit dem Abendessen? Heute Abend würden wir über Airbnb in einem Gästezimmer nächtigen. Um die brennende Frage zu klären, ob wir eine Küche zur Mitnutzung zur Verfügung gestellt bekämen, griff Danilo zum Telefon. So fügte sich eine glückliche Gegebenheit zur nächsten, denn unser Gastgeber war gerade auf dem Weg um seine Einkäufe zu erledigen und so trafen wir uns vor Ort, lernten uns kurz kennen, kauften zusammen ein, übergaben ihm und seiner Lebensgefährtin unsere Backpacks und die Einkäufe, schnappten uns bloß eine Flasche Wasser und legten den restlichen Weg ohne zusätzliche Last zurück. Heute läuft's!


Eine Kuh-Massage-Walze, wie geil ist das bitte? Ein Hoch auf den Kuhbauern!!

1,25 Stunden später liefen wir in Kimratshofen ein - Endstation. Dort wurden wir bereits erwartet. Unser Gepäck stand schon in unserem Zimmer. Das Haus war eine Wucht und bei der kurzen Rundführung staunten wir nicht schlecht. Wieder einmal hatten wir es sehr gut getroffen. Unser Gastgeber Wolfgang, der pensioniert ist und nun als Fotograf mit eigenem Heimstudio arbeitet, und seine Lebensgefährtin waren mehr als gastfreundlich und kümmerten sich sehr um unser Wohlergehen.

Abends gingen die Beiden aus, wir nutzten derzeit die Küche um ein schnelles Abendessen zu zaubern, ein entspannendes Bier zu schlürfen, den Luxus in vollen Zügen zu genießen und erlaubten uns zu guter Letzt die müden Knochen in der besten Badewanne aller Zeiten zu entspannen. Gott, hatten wir es gut!!!



Kilometerstand: 233,36km
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